|
„Ich war schon in der
Sekunda so alt wie der Westerwald“
Lübecks berühmter Sohn
Thomas Mann
Nicht nur für sein Marzipan ist Lübeck
berühmt. Auch Thomas Mann hat den Namen seiner Heimatstadt in der Welt
bekannt gemacht. Millionenfach verkaufen sich seine Bücher, besonders die
„Buddenbrooks“, ein Roman, den er mit nur 25 Jahren schreibt und der 1901
erscheint. Nicht nur in der Hansestadt sorgt der „Verfall einer Familie“ -
so der Untertitel des Romans - für helle Aufregung. 1929 erhält Thomas
Mann für sein Romandebüt den Literatur-Nobelpreis in Stockholm. In der
Mengstraße kann man heute den als Museum der Öffentlichkeit zugänglich
gemachten Familiensitz der Familie Mann besuchen, der mehr ist als das
Haus einer berühmten Familie, nämlich auch der zeitweilige Schauplatz
eines Romans, der längst zur Weltliteratur gehört.
Miserabler Schüler,
gescheiterter Soldat und begnadeter Schriftsteller
1875 wird Thomas Mann als zweiter Sohn
des Senators Thomas Johannes Heinrich Mann und seiner Frau Julia, der
Tochter eines deutschen Plantagenbesitzers und einer
portugiesisch-kreaolischen Brasilianerin, in Lübeck geboren. Die
wohlhabende Kaufmannsfamilie ist seit über hundert Jahren in der freien
Hansestadt ansässig und betreibt eine Getreidefirma. Mit fünf
Geschwistern wächst Thomas Mann im wohlbehüteten Elternhaus in der
Beckergrube 52 auf. Das Haus wurde im Krieg zerstört. Übrig geblieben
dagegen sind die Mauern des Hauses in der Mengstraße 4, dem später als
„Buddenbrookhaus“ berühmt gewordenen Familiensitz, in dem die Großmutter
väterlicherseits wohnte.
Seine Kindheit beschreibt Thomas Mann
selbst als glücklich - wäre da nicht die verhasste Schule. Thomas ist ein
miserabler Schüler und bis zu den Abiturprüfungen hat er es nie geschafft:
“Ich bin überhaupt nicht bis zur Prima gelangt; ich war schon in der
Sekunda so alt wie der Westerwald. [...] Faul, verstockt und voll
liederlichen Hohns, verhasst bei den Lehrern.“ Wie sein Bruder
Heinrich weigert sich Thomas dann auch, Kaufmann zu werden und das
altehrwürdige Familienunternehmen zu übernehmen. Statt dessen widmen sich
die Brüder der Schriftstellerei. Thomas Mann wird zwar im April 1894
Volontär in einer Münchner Feuerversicherung, schreibt und veröffentlicht
aber in dieser Zeit schon erste Novellen. Unter dem Vorwand, Journalist
werden zu wollen, hört er im folgendem Winter an der technischen
Hochschule historische und kunst- und literaturgeschichtliche Vorlesungen.
1895 bis 1898 verbringen die Brüder in Italien. Thomas veröffentlicht
verschiedene Prosastücke und schreibt an seinem ersten Roman. Im Herbst
1900 ist der 25-jährige kurze Zeit im königlich-bayerischen Militärdienst,
doch „schon nach einem Vierteljahr wurde ich mit schlichtem Abschied
entlassen, da meine Füße sich nicht an jene ideale und männliche Gangart
gewöhnen wollten, die Parademarsch heißt.“
Doch ein Jahr später gelingt dem
gescheiterten Soldaten und missratenen Schüler der ganz große Wurf, der
seinen Weltruhm begründet. S. Fischer verlegt sein 1000 Seiten starkes
Romandebüt „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“. Die Familiensaga
verkauft sich zwar anfangs nur schleppend, sorgt aber in seiner
Heimatstadt sofort für Furore. Schildert der Gesellschaftsroman doch über
vier Generationen hinweg den Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie.
Beleidigt und schockiert beginnt man in Lübeck sogleich, nach den
Vorbildern der Romanfiguren im Lübecker Gesellschaftskreisen zu suchen.
Auch die Familie Mann sieht sich in dem Buch mehr oder weniger
verschleiert „verarbeitet“. Denn wie die patrizische Kaufmannsfamilie Mann
lebt die Roman-Familie Buddenbrook in der Hansestadt Lübeck und auch sonst
lassen sich viele Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit ziehen.
Sein Onkel Friedrich Mann ist entsetzt über den „traurigen Vogel“, der „in
karikierender Weise seine allernächsten Verwandten in den Schmutz zieht!“
Buddenbrooks – nur eine
Lübecker Familie?
1929 wird Thomas Mann in Stockholm für
seinen Romanerstling der Literatur- Nobelpreis verliehen. Denn die
„Buddenbrooks“ sind weit mehr als die Chronik einer Lübecker
Kaufmannsfamilie. In Thomas Manns eigenen Worten ist der Roman „die
naturalistisch-fatalistisch empfundene, mit Schopenhauerischen Pessimismus
und niederdeutschem Humor und untergründiger Wagnerscher Musik
dargestellte Geschichte eines Verfalls und zugleich einer Verfeinerung,
Entbürgerlichung, Vergeistigung.“ Noch oft wird er später diese Themen in
anderen Texten variieren. Seine Texte sind dabei reich an Anspielungen -
nicht nur auf real existierende Personen, sondern besonders auf die großen
Denker, besonders des 19. Jahrhunderts. So war der Einfluss von Friedrich
Nietzsche auf sein Schreiben enorm, auch die Werke Goethes, Wagners und
Schopenhauers sind zentrale Dreh- und Eckpunkte in seinem System.
So wie in den winkeligen Straßen Lübecks
Mittelalter, Barock und Klassik die Farben und Formen der Häuser gestaltet
haben, so sind auch in Thomas Manns Werken die Einflüsse der
verschiedensten Zeiten und Gedanken aufs künstlerischste
nebeneinandergestellt.
Pamela Rittmeister
ZURÜCK |