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NIEDERSACHSEN-Exkursion der
Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg
Freitag,
30.05.08 Vormittag
Peer
Hessel, Max David, Dennis Faas, Philipp Waig
Für den Freitag stand der Nationalpark „Niedersächsisches Wattenmeer“ auf
dem Programm.
Als Führerin kam dazu Frau Bühler
zu uns, die für den Nationalpark arbeitet. Sie selber studierte Natur- und
Umweltschutz in Eberswalde und trat die Stelle nach ihrem Studium vor
knapp einem Jahr auf Borkum an. Ihr Arbeitsplatz ist das Feuerschiff
„Borkumriff“, das gleichzeitig auch ihre Unterkunft ist. Der Begriff
Feuerschiff kommt daher, dass das Schiff früher als mobiler Leuchtturm
unterwegs war. Vor Jahrzehnten wurde wirklich noch mit offenem Feuer am
Deck des Schiffes gearbeitet, wodurch der Begriff „Feuerschiff“ entstand.
Ein Teil ihrer Arbeit sind
Wanderführungen durch das Nationalparkareal, wobei wir ihre erste
Studentengruppe bisher waren.
Unsere Wanderung begann mit einer
theoretischen Einführung in die Geschichte und den Aufbau der Insel.
Borkum gehört zu den
ostfriesischen Inseln. Kennzeichen dieser Inseln ist es, dass sie aus Sand
bestehen und damit „wandern“, wohingegen die Nordfriesischen Inseln
„Geestkerne“ haben, die dieses Wandern verhindern. Durch Wind und Strömung
wird Material im Westen abgetragen und nach Osten verlagert; dieser
Ostwärtswanderung wird durch zahlreiche Schutzbauten entgegengewirkt.
Die Insel Borkum ist mit der
letzten Eiszeit entstanden und erst ca. 8.000 Jahre alt. Bei einer großen
Flut im Jahre 1362 wurde noch mal das Aussehen der Insel stark verändert.
Die heutige Insel Borkum bestand
damals noch aus zwei Inseln, die erst 1750 durch den Bau eines Deiches,
der anschließend verlandete, zu einer großen Insel zusammengeführt wurde.
Die damalige Trennlinie lag etwa
auf der Linie Muschelfeld/Tüskendörkill, wo später eine große Weidefläche
für das Vieh der Insulaner entstand. Bis heute werden diese Flächen durch
eine Genossenschaft der Einwohner genutzt.
Bis zu den beiden Weltkriegen war
Borkum wirtschaftlich relativ unbedeutend. Fischerfamilien, Walfänger,
Lotsen und Seeleute bewohnten die kleine Insel. Da es keine Wälder auf
Borkum gab, war Brenn- und Bauholz knapp. Treibgut und verlorene Fracht
von vorbeifahrenden Schiffen waren für die Bewohner extrem wichtig. Das
sieht man auch daran, dass damals der Posten eines Strandvogtes nötig war,
der von dem Finder von Treibgut unterrichtet werden musste und die
gerechte Verteilung regelte, wobei er selbst pauschal 10% kassierte.
Zahlreiche Schiffe liefen auf das
berüchtigte Borkumriff auf, wo teilweise Wassertiefen von weniger als 4m auftreten,
weshalb oft Lotsen von der Insel angeheuert wurden, die den Schiffen beim
Navigieren in der schmalen Fahrrinne halfen. Bei diesem Riff handelt es
sich nicht um ein klassisches Riff, sondern um eine Sandbank.
Im 20. Jahrhundert nahm Borkum
eine strategische Bedeutung ein. So wurde zum zweiten Weltkrieg fast die
ganze Insel mit Bunkeranlagen ausgebaut, sowie ein Schienennetz, welches
die wichtigsten Punkte von Osten nach Westen mit einer Kleinbahn verband,
heute allerdings von Sand bedeckt sind. Auch das Haus des Rüstmeisters,
welcher für die Wartung von Geschützen und Küstenbefestigungen zuständig
war, ist ein Zeugnis der militärischen Nutzung der Insel. Nach dem
verlorenen Krieg sollte der Hafen zu einem U-Boot-Stützpunkt ausgebaut
werden, was aber verworfen wurde.
Die Wasserversorgung der Insel
wird durch eine Süsswasserlinse gewährleistet, die sich etwa zwischen 5
und 40 m Tiefe befindet. Da Süsswasser ein spezifisch geringeres Gewicht
als Salzwasser hat, schwimmt das versickernde Regenwasser auf dem
Salzwasser auf und kann in den zahlreichen Bohrlöchern gewonnen werden.
Da sich die Insel im Lauf der
Jahre stark verändert, steht heute der Küstenschutz vom Stellenwert noch
vor dem Naturschutz.
Gerade an der relativ
siedlungsnahen Westseite, wo aufgrund der Meeresströmung ständig Landmasse
abgetragen wird, wurde eine massive Uferbefestigung mit einem zum Meer hin
flachen Anstieg im Verhältnis 1:6 errichtet. Sobald eine der mit Asphalt
und Beton verstärkten Deichkonstruktionen undicht wird und Meerwasser ins
Innere gelangen kann, höhlt dieses das Bauwerk aus und zerstört es dadurch
irreparabel. Auch eine künstliche Sandbank, die in der Vergangenheit unter
hohem finanziellen Aufwand angelegt wurde, erwies sich zwar als
wirkungsvolles Mittel gegen die voranschreitende Abtragung der Küste, war
aber nach drei Jahren bereits wieder durch die Strömung abgetragen.
Die Fahrrinne nach Emden muss
ebenfalls in regelmäßigen Abständen freigebaggert werden, um ein
reibungsloses Funktionieren des Schiffsverkehrs zu gewährleisten. Der
Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wurde 1986 gegründet und dient
der Erhaltung dieses weltweit einzigartigen Lebensraums.
Borkum ist wie jede Insel des
Nationalparks in verschiedene Zonen unterteilt. Neben dem Siedlungsbereich
ist der Rest der Insel in Erholungszone (Schutzzone 3), Zwischenzone
(Schutzzone 2) und Ruhezone (Schutzzone 1) gegliedert. Während die
Erholungszone noch außerhalb der Wege betreten werden darf, müssen in der
Ruhezone die Wege eingehalten werden; in der Zwischenzone gilt das
Wegegebot nur während der Brutzeit (1. April bis 31. Juli)

Auf diesem Foto kann man
schematisch die Entstehung der Dünen erkennen. Die ältesten Dünen auf
Borkum sind etwa 400 Jahre alt.
Botanik
Zu der einzigartigen Botanik der
Insel Borkum gehören zahlreiche einheimische und neophytische Pflanzen. Zu
solchen gehören:
- Kartoffelrosen (Rosa rugosa
Thunb.)
sind seit ca. 1930 aus Japan eingeführt worden, um auf Bunkern zur
Tarnung gepflanzt zu werden. Der Neophyt macht dem einheimischen
Sanddorn massive Konkurrenz.
- Sanddorn (Hippophae
rhamnoides L.) kann an seinen blaugrünen, kleinen Blättern erkannt
werden und weist eine geringe Konkurrenzfähigkeit im Vergleich zur
Kartoffelrose auf.
- Silberpappeln, Birken und
schwachwüchsige Kriech-Weiden (Salix repens L.) sind die einzigen
wenigen Bäume, welche auf den Sanddünen von Natur aus wachsen. Sie breiten sich von
ihren Standorten ringförmig aus.
Zoologie
Die Tiere des Wattenmeeres sind
vielfältig und ähnlich wie die Flora von großem Wert für den Naturschutz.
- Die kalkreichen Überreste von
Herzigeln sind im Gegensatz zum Gemeinen Seeigel „lateralsymmetrisch“,
d.h. sie haben nur eine Symmetrieachse, während der Seeigel kugelrund
ist. Bei einer Springtide werden die weißen Exoskelette weit auf
den Strand geschwemmt.
- Laichballen der
Wellhornschnecke werden normalerweise in steiniges Substrat abgelegt,
können aber bei starken Strömungen abgerissen und an den Strand gespült
werden. Sie ähneln blasenförmigen Clustern.
- Es gibt mehrere Quallentypen.
Die Ohrenqualle hat charakteristische 4 Kreise in ihrem Inneren, welche
als Geschlechtsorgane fungieren. Die Nesselqualle weist eine blaue
Färbung auf, wohingegen die Seestachelbeere eine amorphe Gallertmasse
bildet.
- Strandkrabben können
unterschiedliche Farben und Größen aufweisen. Deren Panzer ist oftmals
mit
Seepocken bedeckt, welche die Krabbe als Untergrund nutzen. Dieses
sind ebenfalls Krebstiere, welche mit ihrem Hinterkopf an den Panzer der
Strandkrabbe wachsen und mit ihren Beinen Nährstoffe aus dem Wasser
filtern. Eine andere Lebensgemeinschaft bildet die Seerinde, welche eine Biozönose auf der Krabbe bildet und eine krustige, weiße Schicht bildet.
- Einsiedlerkrebse hausen in
leeren Schneckenhäusern, welche sie oftmals wechseln, weil sie durch das
Wachstum zu groß für ihr altes Gehäuse werden. Sie haben eine
charakteristische große Schere, mit deren Hilfe sie den Ausgang der
Schnecke verschließen können, und einen gekrümmten Körper, mit dem sie
sich in den Windungen des Schneckenhauses festhalten können.
- Die Schalen der beiden
Austernarten (europäisch und pazifisch) können ebenfalls gefunden
werden. Die pazifische Auster ist essbar.
- Die Amerikanische
Schwertmuschel ist eine Neozoe, welche seit den 30er Jahren zu einem
Problem wird, wobei sie als Fressfeinde Möwen hat. Sie ist an ihren
langen schmalen Gehäusen erkennbar.
Freitag,
30.05.08
Nachmittag
Reimar Sauter, Claudia Kniez, Steffen Rieger, Richard Wagner
Nach einer
idyllischen, aber sehr heißen Mittagspause konfrontierte man uns mit
verschiedenen Zugvögeln, die die unterschiedlichsten Biotoptypen der
Insel als Brutstätte und Nahrungsquelle nutzen. Anhand von Plakaten
zeigte man uns verschiedene Zugrouten der Vögel und nannte ein Paar
typische:
Die
Küstenseeschwalbe:
Sie zieht am
weitesten von allen Zugvögeln, fast von Pol zu Pol.
Der Knutt:
Er kommt einmal zum
brüten und einmal auf dem Weg nach Afrika, wo er überwintert, auf die
Insel. Er benötigt ein sehr reichliches Nahrungsangebot, da er sich
sonst selbst verdaut und folglich daran zugrunde geht. Man zeigte uns
ein Model von einem gut
genährten und einem unterernährten Exemplar.
Uferschnepfe und
Nonnengans wurden genannt, sowie die in den Dünen brütenden Brandgänse
und Möwen.
Die Wanderung ging
nun endlich wieder weiter. Vom östlichsten Eck der Insel setzten wir uns
in Richtung Westen in Bewegung, Vorbei an Weiß-, später Graudünen und
Salzwiesen verließen wir allmählich den Lebensraum „Düne“. Sehr
erstaunlich war es, wie weit die Sturmfluten in die Insel hineingehen. Im
Bereich der Graudünen war dies am so genannten „Spülsaum“ sehr gut zu
sehen. Jedes Jahr gibt es ca. zwanzig Sturmfluten auf Borkum. Sie werten
den Standort auf, da sie viele Nährstoffe in die Landschaft spülen.
Die Salzwiese
Zwischen Land und
Meer, vor allem in den Tallagen der Graudünen, liegt die Salzwiese. In
den Wintermonaten wirkt sie ruhig und eintönig. Sie schöpft Kraft für
die kommende Wachstumsperiode. Im Frühjahr erwacht sie zum Leben. Von
Mai bis Oktober wandelt sie sich ununterbrochen. Im Frühjahr heben sich
Büschel zartrosafarbener Strand-Grasnelken (Armeria maritima (Mill.)
Willd.) vom
Dunkelgrün des Andelrasens. Im Spätsommer blüht der Strandflieder (Limonium
vulgare Mill.) und verwandelt die Salzwiese in ein lila Blütenmeer.
Strandsode und Queller (Salicornia europaea L.) tauchen sie im Herbst
in ein dunkles sattes Rotbraun.
Diese festen derben
Pflanzen, denen häufig das Wasser bis zur Blüte steht, würde man eher in
einer Wüste vermuten. Schwer vorstellbar, dass viele dieser Pflanzen
zweimal täglich von den Nordseefluten gegossen werden. Die
Salzwiesenpflanzen haben sich auf diesen Lebensraum spezialisiert.
Auf den besonderen
Pflanzen der Salzwiese leben besondere Tiere. An jeder Pflanzenart
knabbern etliche Insekten, denen andere Pflanzen nicht schmecken. Der
Strandfliederrüsselkäfer kann nur auf dem Strandflieder leben. 400
Insektenarten leben auf den häufigsten 25 Salzwiesenpflanzen. Allein auf
der Strandaster (Aster tripolium L.) leben 25 Insektenarten.
In der Salzwiese
leben sehr viele Vögel, die ebenfalls nicht auf andere Lebensräume
ausweichen können. Hier fressen Enten, Gänse und Wartvögel, zu denen zum
Beispiel der Rotschenkel gehört, den wir auch gesehen haben. In jedem
Herbst rasten auf den Salzwiesen hunderttausende Zugvögel, erholen sich
vom anstrengenden Flug und rüsten sich für die nächste Etappe. Hier
brüten Austernfischer, Rotschenkel, Wiesenpieper und Möwe.
Beim Durchwandern
der Salzwiese muss man natürlich auf den Wegen bleiben, aber man muss
auch diese genau beachten. Eier und Jungvögel sind perfekt getarnt. Bei
Gefahr drücken die Jungvögel sich an den Boden, und ihr braunmarmoriertes Junggefieder lässt sie mit dem Untergrund
verschmelzen. Gegen tierische Räuber schützt diese Tarnung vorzüglich.
Vor dem Menschen wäre es allerdings besser zu fliehen – ein
unaufmerksamer Schritt kann einen jungen Austernfischer oder Rotschenkel
das Leben kosten.
Weiter wanderten
wir entlang einer Landschaft, die von Binnenseen geprägt war. Dort endet
der Einfluss des Salzwassers und man findet zum Beispiel Pflanzen wie
Schilf (Phragmites australis (Cav.) Trin.) und Kartoffelrose (Rosa rugosa Thunb.).
Zu sehen waren Brandgänse. Sie leben und brüten in Kaninchenbauten.
Besonderheit: Sie mausern sich komplett und sind daher mehrere Wochen
flugunfähig. In diesem Gebiet gibt es sogar an wenigen Tagen die
Möglichkeit zur Jagd. Reh, Kaninchen, Bisam und Fasane stehen zur
Auswahl.
Als letzten
Exkursionspunkt bestiegen wir eine Aussichtsdüne, wobei der Name eher
irreführend ist, denn es handelt sich nicht um eine natürlich gewachsene
Düne, sondern um einen ehemaligen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der bepflanzt wurde. Von dort
hatte man einen tollen Blick über den östlichen Teil der Insel.
Schlickwatt, Strand, Dünenlandschaft und Meer lagen uns zu Füssen und
ein Wanderfalkenweibchen konnten wir auch beobachten.
Dies sollte der
letzte Intensive Eindruck der Natur sein und ein außergewöhnlich sinn-
und wissensintensiver Tag lag hinter uns.
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