NIEDERSACHSEN-Exkursion der

Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg

 

Donnerstag, 29. Mai 2008, vormittags

 

Das Borkener Paradies

Pflegebeweidungskonzept eines ehemaligen Hutewaldes

 

Protokollanten:

Daniel Stark, Mario Hausch, Johannes Kopp

 

In der Nähe der Stadt Meppen, im Landkreis Emsland, liegt das Naturschutzgebiet Borkener Paradies. Die Landschaft dieser Region ist durch mit Talsanden aufgeschichteten Niederungen geprägt und während der Saale- Eiszeit entstanden. Das Naturschutzgebiet liegt in einer Schleife der Ems zwischen Versen und Borken und umfasst eine Fläche von rund 30 Hektar. Schon seit dem 15. Jahrhundert wurde diese Fläche weitestgehend ohne Unterbrechung von Rindern, Schafen oder auch Schweinen beweidet. Insbesondere wegen den dortigen Eichenvorkommen und der Möglichkeit, Hutewaldwirtschaft zu betreiben, war die Fläche für die Bauern interessant. Zudem ersparte die natürliche Barriere in Form der Ems einen Großteil an Weidezaun oder ähnlichen Einrichtungen  beziehungsweise die Hirten mussten dann nur einen kleinen Teilbereich beaufsichtigen. Die Fläche liegt abseits von Siedlungen und wird in unregelmäßigen Abständen überflutet. Zudem ist sie von Dünen und daher für norddeutsche Verhältnisse unebenen Bereichen geprägt und ist deshalb für andere landwirtschaftliche Zwecke ungeeignet. Dies führte dazu, dass die Fläche die Markteilung überstand und bis 1986 als Allmende bestehen blieb. Bis zu dieser Zeit wurden Knospen der Eichen in geringer Höhe abgeschnitten um eine möglichst große Krone zu erhalten. Diese mehrstämmigen Eichen booten dem Weidevieh durch die üppige Fruktifikation eine reiche Nahrung. Heute trägt die Fläche als Naturschutzgebiet zum Erhalt einer naturhistorischen Landschaft und zur Arterhaltung bei.

 

Verwaltet wird das Naturschutzgebiet durch die staatliche Moorverwaltung Weser-Ems in Meppen, die heute durch unseren Exkursionsführer Peter Gräber, ausgebildeter Landwirt, vertreten war. Die Moorverwaltung ist eine ehemals selbstständige Behörde, die bis in die 70er Jahre die abgetorften Moore für die Landwirtschaft kultivierte. Heute ist ihre Hauptaufgabe die Wiedervernässung und somit die Renaturierung dieser Flächen. Hierfür werden diese vom Land Niedersachsen entweder gekauft oder mittels eines Flächentauschs in Landesbesitz gebracht. Momentan wird die Wiedervernässung im Zuständigkeitsbereich der Moorverwaltung Weser-Ems auf rund 5.000 ha durchgeführt.

 

Für den Bereich des Borkener Paradieses spielt jedoch nicht die Wiedervernässung, sondern die Offenhaltung der Landschaft eine Rolle. Das durch alte Hutewaldeichen (scheinbar bis zu 400 Jahre alt) und Magerrasen gekennzeichnete Gebiet ist stark davon bedroht, vom Schwarzdorn (Prunus spinosa L.) und vom Weißdorn (Crataegus spec. L.) überwachsen zu werden. Dies würde zum Verschwinden vieler Pflanzen, unter ihnen auch die Eiche, die sich nicht mehr verjüngen könnte, führen. Um dem entgegenzuwirken, wird eine Pflegebeweidung auf der kompletten Fläche durchgeführt. Auf den rund 30 ha weiden sechs Rinder der Rasse Bayerisches Fleckvieh und vier Pferde der Rasse Friesen. Dies erscheint wenig, da in der Regel bei Pflegebeweidungen 0,3 – 0,4 Großvieheinheiten (GVE) pro Hektar gerechnet werden. Jedoch sind durch zeitweise überflutete und zum Teil sehr arme und trockene Standorte, auf denen sogar das Heidekraut (Calluna vulgaris (L.) Hull) Probleme bekommt, kaum eine höhere Anzahl an Tieren möglich. Die Tiere befinden sich im Besitz eines Landwirts, der die Fläche unentgeltlich beweiden darf.

Die Beweidung dient vor allem der Arterhaltung. Erste Erfolge zeigen sich darin, dass seltene Pflanzen wie der Gewöhnliche Kleine Sauerampfer (Rumex acetosella L.), der Gewöhnliche Reiherschnabel (Erodium cicutarium (L.) L'Hérit.) oder der Wilde Hopfen (Humulus lupulus L.) wieder Fuß fassen. Eine weitere Besonderheit ist das Vorkommen von Cladonia spec., einer Flechte, die als Pionier Erstbesiedler auf Sand ist. Ein bestehendes Problem bleibt jedoch die voranschreitende Sukzession, da die Tiere Weißdorn und Schwarzdorn verschmähen, dieser sich somit stark ausbreitet und so die nutzbare Weidefläche abnimmt. Hinzu kommt, dass die Halbschattbereiche im Hutewald von der Großen Brennnessel (Urtica dioica L.) besiedelt und so für die Tiere uninteressant werden. Eine zusätzliche Beweidung durch Ziegen, die dieses Problem beheben könnten, wurde von der Moorverwaltung ausgeschlossen. Grund hierfür sind die hohen Aufwändungen für den nötigen ziegensicheren Zaun, die für dessen Bau und Unterhalt anfallen würden. Als weitere Möglichkeit bestünde noch die manuelle Entbuschung mittels Freischneider oder Motorsäge. Diese Maßnahmen werden momentan nicht durchgeführt und sind auch für die Zukunft nicht geplant. Somit lässt die Moorverwaltung der Sukzession momentan freien Lauf.

 

Der Begriff Paradies lässt sich vermutlich daraus ableiten, dass die Fläche von der örtlichen Bevölkerung zur Erholung genutzt wurde. Besonderheiten sind der Sandstrand, sowie die hügeligen, von Heidekraut (Calluna vulgaris L.) bewachsenen Dünen, die zum Picknick genutzt wurden.

Die Esterweger Dose

Mittag

Elena Hofmann, Annegret Wahl, Sarah Köhl

Die Esterweger Dose, ein Naturschutzgebiet, liegt im Nordwesten Niedersachsens. Es ist Teil des größten noch intakten Hochmoorkomplexes von  Mitteleuropa. Es erstreckt sich über 4.747ha und befindet sich auf der Grenze der Landkreise Cloppenburg, Emsland und Leer. Das gesamte Hochmoorgebiet umfasst ca. 11.000 ha und ist in mehrere Teilflächen untergliedert: Das Ostrhauderfehner Moor (1.500 ha) wird heute überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Das Westermoor (3.800 ha) diente dem  Buchweizenanbau und seit 1926 zur Torfgewinnung. Das Timpemoor (2.000 ha) wird heute vorwiegend landwirtschaftlich genutzt und wurde zum Teil in den achtziger Jahren wiedervernässt, und ist heute größtenteils ein Naturschutzgebiet. Der letzte Teil des Hochmoorgebietes ist die Dose (3.900 ha), welche das Zentrum des Komplexes und einen Großteil des Naturschutzgebietes bildet.

Die darin gelegenen Flächen sind zum Teil im Besitz des Bundes (550 ha), des Landes Niedersachsen ( 2.500 ha ), oder sie gehören privaten Torffirmen (1.000 ha).

Aufgrund der großen Bedeutung dieses Moors für die Artenvielfalt wurde es in das europäische Schutzgebietsystem NATURA 2000 aufgenommen und als FFH( Flora-Fauna-Habitat-) Gebiet ausgewiesen.

Herr Wreesmann führte uns auf einem zweistündigen Rundweg durch das Naturschutzgebiet. Der studierte Landschaftsplaner und Diplomökologe (FH) arbeitet für die NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz). Hier ist er für den Schutz der Südlichen Goldregenpfeiferpopulation zuständig.

Die Esterweger Dose ist ein Hochmoor, das sich wie alle Moore in Deutschland im Verlauf der Spät- und Nacheiszeit seit etwa 12.000 Jahren gebildet hat. Voraussetzung für die Moorbildung ist eine positive Wasserbilanz, also ein Wasserüberschuss. Die aufgewachsene organische Substanz wird auf Grund von Wasserüberschuss und Sauerstoffmangel nur unvollständig abgebaut. So kommt es zur Bildung von mehreren Metern mächtigen Torfauflagen.

Es werden zwei Hauptmoortypen unterschieden: Hoch- und Niedermoor. Im Gegensatz zum Niedermoor wird ein Hochmoor nicht von Grundwasser, sondern durch Regenwasser gespeist. Daher nennt man diese  Art von Moor auch „ombrogenes Moor“. Charakteristisch ist der Torfbildner Torfmoos (Sphagnum spec. L.) für den im sauren, nassen und oligotrophen Milieu optimale Wachstumsbedingungen herrschen. Der Name „Hochmoor“ rührt daher, dass sich Hochmoore uhrglasförmig über die Mineralbodenoberfläche wölben. Das Moor ist ein Ökosystem, bei dem auch noch im Klimaxstadium das organische Material nicht vollständig remineralisiert wird. Dadurch kommt es zu einer Anhäufung von Biomasse. Torfmoose haben jährliche Wachstumsraten von bis zu 20 cm. Durch den Vertorfungsprozess und die Verdichtung liegt der Torfzuwachs pro Jahr im Moor allerdings nur bei ca. 1 mm. Im Laufe der Jahrtausende bilden sich aus der toten organischen Substanz zwei Schichten aus Weiß- und Schwarztorf. Früher wurde Schwarztorf im Sommer gestochen und getrocknet und anschließend im Winter als Brennmaterial verwendet. Der darüberliegende Weißtorf war wegen des geringen Brennwertes wertlos. Mit ihm wurde die entstandene Kuhle im Abbaubereich wieder  aufgefüllt. Heute ist er sehr wertvoll und wird als Substrat im Erwerbsgartenbau verwendet. Wobei je nach Verwendungszweck verschiedene Nährstoffe zugegeben werden können. Während der Weißtorf gut vernässbar ist, ist der verdichtete Schwarztorf nahezu wasserundurchlässig.

Bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts war das Gebiet der Esterweger Dose kaum erschlossen und wurde zu militärischen Zwecken genutzt. 1924/1925 gingen ca. 1.600ha in Landesbesitz über, wurden entwässert und als landwirtschaftliche Fläche genutzt. So wurde unter anderem die Oberflächenvegetation (z. B. Heidekraut (Calluna vulgaris (L.) Hull.) abgebrannt und auf der durch die Asche gedüngte Fläche Buchweizen angebaut.

In den dreißiger Jahren erkannte man den Wert der Esterweger Dose als letzten noch lebenden Hochmoorkomplex Deutschlands und wies Teile als Naturschutzgebiet aus. Ende der fünfziger Jahre wurde dies wieder rückgängig gemacht, um die Flächen für den Torfabbau und die Landwirtschaft wieder freizugeben. Da allerdings die Abtorfungsverträge aus dieser Zeit bis ins Jahr 2035 reichen, wird trotz der Wiedereinrichtung des Naturschutzgebietes 2005 heute immer noch Torf abgebaut.

1981 entschied man sich, um das Ökosystem Moor zu erhalten und gegebenenfalls wiederherzustellen, weite Teile des Gebiets und die abgetorften Flächen wieder zu fluten.

Um das Wasser aufzustauen, werden Dämme aus dem wasserundurchlässigen Schwarztorf errichtet und mit Hilfe eines Wasserleitsystems kann Wasser zu- und abgeführt werden. Wird der Mineralboden bei der Abtorfung angeschnitten und dabei der vorhandene Ortstein (Bhs-Horizont) durchstoßen, so kann es durch das abfließende Wasser zu einer Hemmung der Moorbildung kommen. Auch der erhöhte Wellengang und das Durchfrieren der Dämme im Winter können zu einem Wasserverlust der gefluteten Flächen führen.

Das Fluten der Flächen soll das Wachstum von Bäumen und Sträuchern verhindern. Dadurch kann sich die typische Moorvegetation  entwickeln. So sahen wir auf unserer Wanderung das weißleuchtende Scheidige Wollgras (Eriophorum vaginatum L.), den Torfbildner Sphagnum, das moortypische Heidekraut (Calluna vulgaris (L.) Hull.), Erika (Erica spec. (L.)), die carnivoren Sonnentauarten (Drosera rotundifolia L.; Rundblättriger Sonnentau) und Drosera logifolia L.; Langblättriger Sonnentau) sowie den kleinen gelben Wasserschlauch (Utricularia vulgaris L.; Echter Wasserschlauch), letztere decken ihren Stickstoffbedarf durch den Fang von Insekten. Auch den seltenen Sumpf-Porst (Ledum palustre L.) bekamen wir zu sehen. Heutzutage können auf den Dämmen Moorbirken und Traubenkirschen wachsen, die jedoch durch Mähen des Dammes zurückgedrängt werden.

Die offenen, feuchten Flächen des Moores mit niedriger Vegetation (unter 20cm) bieten neben Kranich,  Rotschenkel, Kiebitz und Ziegenmelker auch dem Goldregenpfeifer einen optimalen Lebensraum.

Der südliche Goldregenpfeifer, der wie der Kiebitz zur Familie der Regenpfeifer gehört, ist mit den weltweit letzten sieben Brutpaaren in der Esterweger Dose vertreten. Der für Heiden und Hochmoore typische Vogel braucht zum Brüten einen offenen, feuchten, gut überschaubaren Lebensraum. Auf den freien Abtorfungsflächen kann er Feinde, wie den Fuchs und den Wanderfalken gut erkennen, außerdem bietet das Moor den Küken optimalen Schutz und Tarnung.

Im zeitigen Frühjahr kehren die Altvögel aus den Überwinterungsgebieten in Südeuropa zurück. Die Nestmulde wird von den männlichen Vögeln auf leicht erhöhten Torfbereichen angelegt. Nach 28 Tagen Brut schlüpfen die kleinen Küken. Als Nestflüchter ernähren sie sich selbstständig von Spinnen und Käfern und sind nach 35 Tagen flügge.

Die vom Aussterben bedrohte Art steht seit 2005 unter strengem Schutz. Die Nester werden mit Temperaturfühlern ausgestattet und durch einen Elektrozaun geschützt. Zusätzlich werden die Vögel rund um die Uhr bewacht und Prädatoren, wie der Fuchs, mit Hilfe von Kunstbauten in Schach gehalten. So konnte die Anzahl der jährlich schlüpfenden Jungvögel in vier Jahren um 30% von 6 auf 10 Stück erhöht werden. Die Rund-um-die-Uhr-Betreuung während der Brut und Aufzucht beschäftigt einen Biologen und mehrere Studenten und beläuft sich in den Kosten auf 180.000€ pro Jahr. Ziel des Schutzprogrammes ist es, die letzte verbliebene Population vor dem Aussterben zu bewahren und mittelfristig ein geeignetes Brut- und Nahrungshabitat in der Esterweger Dose zu schaffen.

 

Zur Zeit befinden sich noch 3.500 ha im Abbau. Dieser findet folgendermaßen statt:

Im Frühjahr werden ca. 3m des Oberfeldes abgetragen und auf der verbleibenden Oberfeldfläche verteilt. Dort wird es zur bis zum Winter mehrere Male durchgegrubbert, um das Ausbilden einer Vegetationsdecke zu verhindern. Teilweise wird sogar der kleine Sauerampfer (Rumex acetosella L.) von Hand gejätet. Im Winter soll der abgetragene, lockere Torf durchfrieren, um eine bessere Quellfähigkeit zu erreichen. Anschließend wird er mit Pistenraupen zu so genannten Mieten aufgeschüttet und ist dann bereit für den Abtransport mit Loren. Der Torf aus der Esterweger Dose wird weltweit vermarktet, vor allem im intensiven Gartenbau Hollands.

 

Abb.1: Torfabbau grafisch dargestellt

 

Es war ein interessanter Rundgang durch das Naturschutzgebiet, der aber auch allerlei Fragen aufwarf und Diskussionspotential bot. Was  macht ein Naturschutzgebiet aus? Wie viel ist uns die Erhaltung einer vom Aussterben bedrohten Art wert? Wieso darf in einem Naturschutzgebiet zu kommerziellen Zwecken die Landschaft total umgekrempelt werden?

Leider blieb uns nicht genug Zeit all diese Fragen im Detail zu diskutieren. Aber wir waren uns einig, dass das Esterweger Moor als eines der letzten intakten Moore Europas ein Relikt unschätzbaren Wertes aus der Vergangenheit darstellt.