![]() |
| Herr Neuschultz (links), Leiter des Biosphärenreservats |
Ein letztes inbrünstiges „Quak“ zum Abschied von unserer ersten Unterkunft im Wischehof Wootz und gleichzeitig zum Start in unseren ersten Exkursionstag versprach eine interessante Woche. Das Wetter konnte gar nicht anders als herrlich sein, bei solch einem virtuosen die ganze Nacht andauernden Konzert der Wootzer Frösche. Unsere Erkundung des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe-Brandenburg, wurde durch Herrn Neuschultz vom Biosphärenreservat geleitet.
Das 533 km2 große Gebiet erstreckt sich am östlichen Ufer der Elbe von der Havelmündung bis kurz vor die Tore von Dömitz in Mecklenburg. Knapp 40 Einwohner leben auf einem Quadratkilometer in diesem Teil der Westprignitz. Beiderseits der deutsch-deutschen Grenze war die Elbtalaue lange undurchlässig. Dadurch konnten hier seltene Tier- und Pflanzenarten und die weiten Auen an der Elbe überleben und blieben unzerstört. Zunächst hatte der brandenburgische Teil der Elbtalaue den Status eines Naturparks. Im März 1998 gab die UNESCO das länderübergreifende Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe bekannt. Die fünf Bundesländer Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Brandenburg sind beteiligt. Jetzt ist der ehemalige Naturpark brandenburgischer Teil des Biosphärenreservats. Mit den ostdeutschen Biosphärenreservaten wurde eine Schutzgebietskategorie eingeführt, die es im Bundesnaturschutzgesetz bisher nicht gab. Gleichsam als „Nationalparke für Kulturlandschaften“ dienen sie dem Schutz und der Pflege historisch gewachsener Kulturlandschaften mit nutzungsbedingten Strukturen und sie dienen zugleich der modellhaften Entwicklung nachhaltiger, d.h. dauerhaft tragfähiger Landnutzungsformen.
Insgesamt gibt es in Brandenburg 15 Großschutzgebiete, für die eine eigene Landesanstalt als Fachbehörde in Eberswalde zuständig ist. Diese umfassen 30% der Landesfläche und unterteilen sich neben anderen Schutzgebietskategorien in drei Biosphärenreservate, nämlich Schorfheide-Chorin, Spreewald und Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Die Biosphärenreservate haben jeweils eine eigene Außenstelle mit Mitarbeitern der Naturwacht, der Forstverwaltung und des Tourismusbereiches. Zur Zeit laufen Forschungsprojekte im Bereich Naturschutz wie das EU-Life-Projekt zum Schutz der Rohrdommel sowie im Bereich des Tourismus. Um das Bewusstsein der Bevölkerung und der Besucher für den Verbund der Großschutzgebiete zu manifestieren, nutzt man diesjährig das Motto „Ökotourismus“, um den weiteren Anstieg des Tourismussektors zu fördern, der bisher 6 bis 10% jährlich beträgt. Derzeit wird auch versucht, zusammen mit Vertretern der Industrie- und Handelskammer, der Handwerker und Landwirte eine Regionalmarke aufzubauen. Zur besseren Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Landwirten wurde ein so genannter moderierter Arbeitskreis erfolgreich ins Leben gerufen.
![]() |
| extensive Beweidung durch Grau-Rinder (Pußta-Rinder) |
Im Biosphärenreservat werden von 17.000 ha Grünfläche 10.000 ha extensiv bewirtschaftet. Dabei traten im Zuge der Umstellung die Hauptprobleme bei der Entkopplung von Tier- und Pflanzenproduktion auf. Weiterhin werden 4.500 ha von einer landwirtschaftlichen GmbH, ehemals LPG, nach biologischen Richtlinien bewirtschaftet. Auffallend sind dabei die unterschiedlichen Rinderrassen, u.a. das imponierende ungarische Pußta-Rind. Die GmbH betreibt zusätzlich einen Landschaftspflegebetrieb, eine 16 ha große Pflanzschule und ein Geschäft, das regionale Produkte zum Kauf anbietet. Dabei wird versucht, in Kreisläufen zu denken, was sich am Beispiel der Filzerei, die zusätzlich zu ihren Schafen auch Kamele hält, zeigt.
Nach der Wende waren insgesamt 50 Deichrückbauten in Ostdeutschland geplant, wovon sich inzwischen nur noch zwei in Planung befinden, davon läuft eine Planung aktuell im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Hier soll der Deich auf sieben Kilometern Länge zurückversetzt werden, so dass 450 ha neue Überflutungsgebiete entstehen, die 350 ha Auewald beinhalten. Damit wird auch die Linienführung der Elbe langfristig verändert. Um die Planung zu verwirklichen war es notwendig, im Vorfeld Flächen aufzukaufen, die anschließend gegen die Überflutungsflächen eingetauscht wurden. Der Kauf dieser Flächen löste allerdings nicht das Problem der weiterhin bestehenden Pachtverträge, welche mittels Entschädigung außer Kraft gesetzt wurden.
![]() |
| Elbe im Biosphärenreservat Flusslandschaft mittlere Elbe / Brandenburg |
Um die Wasserschifffahrt zu garantieren, sollen weiterhin senkrecht zum Flussverlauf so genannte Buhnen bestehen bleiben, die den Stromsstrich fixieren. Die zusätzliche Retentionsfläche führt zu Entlastung der 30 bis 40 km flussabwärts liegenden Gebiete während der Befüllungsphase. Die Kosten für den Deichrückbau werden zum größten Teil vom Bund getragen. Durch den sandigen Untergrund kann das so genannte Qualmwasser auf der Binnenseite wieder zu Tage treten. So entstehen zusätzliche Feuchtgebiete auch hinter dem Deich. Die Einzigartigkeit dieses Gebietes zeigt sich auch darin, dass ein „Rundumblick“ keinerlei industrielle Anlagen wie Türme, Schornsteine und Elektrizitätsleitungen erkennen lässt.
Anhand dieses Vormittags lernten wir, was alles möglich sein kann, wenn die Politik offen ist für Belange des Naturschutzes und dadurch auch Geldmittel zur Verfügung stellt. Begünstigt wird dies in Brandenburg durch die Hoffnung auf ein Wachstum der Tourismusbranche und durch die Erhöhung der Attraktivität der Landschaft, wodurch eine Aufwertung der Lebensqualität der heimischen Bevölkerung stattfindet und eine Abwanderung verhindert wird. Ideale Voraussetzungen für die Ausweisung der Biosphärenreservate wurden in Brandenburg durch die vorhandenen weitgehend unzerschnittenen Landschaften und zum Teil auch unberührten Gebiete im ehemaligen Grenzbereich, der mittlerweile den Namen deutsch- russischer Entflechtungskorridor trägt, vorgefunden.
(Bernhard Frey, Michael Fritz, Meike Wurm)
Zu Beginn der zweiten Hälfte des Tages nahmen uns Frau Rath und Herr Geiersbach von der Naturwacht „Elbtalaue“ in Empfang. Treffpunkt war ein ehemaliger Grenzturm der DDR-Grenztruppen. Dieser Turm ist einer von vielen sogenannten Naturerlebnispunkten entlang des Fahrradweges auf dem Elbdeich. Er erfüllt mehrere Funktionen: als Naturerlebnispunkt hat er touristische Funktion, da er unter der Leitung und Aufsicht von Naturwachtmitarbeitern als Aussichts- und Beobachtungsturm dient. So haben Touristen eine herrliche und imponierende Aussicht über den Deich, die Elbe, die ausgedehnten Weideflächen, die neu angelegten Auwaldflächen, bis hin zum Wald am Horizont. Beobachtungen der Vogel- und sonstigen Tierwelt sind ebenso sehr gut durchführbar. Informationstafeln vermitteln dem Tourist das nötige Hintergrundwissen. Des weiteren nutzt u.a. die Naturwacht den Turm für professionelle Beobachtungen. So können z.B. Monitorings über brütende Vögel oder rastende Zugvögel ideal durchgeführt werden.
Nach der geplanten Deichrückverlegung liegt der Turm zwar im Überflutungsgebiet, seine Funktion als Beobachtungswarte für Touristen, Naturwachtmitarbeiter oder Wissenschaftler aber nicht verlieren, da er dann per Boot angesteuert werden kann. Nicht zuletzt ist er ein Mahnmal für die extreme Grenzsicherung und menschenverachtende Politik der damaligen DDR-Zeit. Es beschlich einen beim Betreten des Turmes schon ein mulmiges und schauriges Gefühl, da man Bilder aus dem Fernsehen nun direkt vor Augen hatte. Nämlich Bilder von Grenztürmen, von denen aus Flüchtlinge erschossen wurden. Erzählungen von Herrn Geiersbach, der in dieser Zeit und unter diesen Umständen aufgewachsen ist, verstärkten das Gefühl.
Trotz seiner bedenklichen und schlimmen Geschichte ist der Turm heute ein Teil von Bemühungen und Projekten, eine wunderschöne Landschaft zu erhalten und zu entwickeln. Er wird noch sehr vielen Touristen aller Altersgruppen und Herkünften unvergessliche Eindrücke bescheren. Auch der Wissenschaft wird er wohl noch lange Jahre von Nutzen sein. Aus einer Einrichtung gegen Menschen wurde eine Einrichtung für den Menschen: eine gute Entwicklung!
Die Naturwacht „Elbtalaue“ betreut ein 533 km² großes Landschaftsschutzgebiet. Ursprünglich wurde sie zum Schutz und Betreuung von Seeadlern gegründet. Die Naturwacht ist Teil des Biosphärenreservat Dessau/Mittlere Elbe, das seit neun Jahren Bestand hat. Zunächst gehörte das Gebiet zum Mecklenburgischen Elbschutzgebiet, wurde aber später Brandenburg angeschlossen.
In der Naturwacht sind zehn fest angestellte Mitarbeiter tätig. Aus ursprünglich 22 ABM-Kräften, die bei der Gründung der Naturwacht eingestellt wurden, sind acht in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen worden. Später kamen zwei weitere Mitarbeiter hinzu. Angestellt sind sie bei der Stiftung Naturfond Brandenburg, die dem Umweltministerium unterstellt ist. „Naturwächter“ kann man durch Fortbildung werden. Es ist kein anerkannter Lehrberuf.
Zu Beginn der Arbeit der Naturwacht war die Skepsis in der Bevölkerung sehr hoch, wie uns Frau Rauh erzählte. Dies wurde auch durch die Dienstbekleidung, die der „Naturwächter“ trägt, unterstützt. Sie wurden zu Beginn „grüne Polizei“ geschimpft. Zu den Aufgaben der Naturwacht gehört die Öffentlichkeitsarbeit und die Umweltbildung der Bevölkerung. Man will vor allem die ansässigen Bürger für ihre unmittelbare Umgebung sensibilisieren. Durch viele Projekte, wie z.B. Aktionstage mit Schulklassen u.ä., ist es mit der Zeit gelungen, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen. Durch Präsenz der Naturwacht auf vielen Festivitäten in der Umgebung und Begleitung der Schulkinder durch die Schulzeit durch viele Projekte wird der Kontakt mit der Bevölkerung gesucht, um sie in die Arbeit mit der Natur einzubeziehen und Austausch mit ihnen zu pflegen.
Weitere Aufgaben sind die Kontrolle von Auflagen des Vertragsnaturschutzes sowie die Fischereiaufsicht. Außer bei der Fischerei sind der Naturwacht keine hoheitlichen Kompetenzen übertragen, so dass sie eng mit der Wasserschutzpolizei sowie mit der Unteren Naturschutzbehörde zusammenarbeiten muss. Als weiteres ist die Naturwacht bei Artenschutzprogrammen beteiligt.
![]() |
| Rambower Moor im Biosphärenreservat |
Nachdem Frau Rath und Herr Neuschultz uns verlassen hatten, sind wir mit Herrn Geiersbach nach Rambow gefahren, um das Rambower Moor kennen zu lernen. Das Gebiet ist 600 ha groß und wird auch als Perle des Biosphärenreservates Elbtalaue bezeichnet. 300 ha des Gebietes sind als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Bei dem Moor handelt es sich um ein Durchströmungsmoor, das von einigen Quellen des Gebietes gespeist wird. In der Mitte befindet sich ein Flachsee (bis 50 cm tief), der eine Fläche von 15 ha bedeckt. 7 ha davon sind freie Wasserfläche, der Rest ist mit Schilf bewachsen. Insgesamt sind 120 ha Schilffläche vorhanden. Geologisch ist das Rambower Moor durch einen Einsturz im Salzstollen von Gorleben, der sich in 200 m Tiefe unter dem Gebiet erstreckt, entstanden. Durch das Gebiet fließt ein Kanal, in den Gräben aus der Fläche entwässern, um die Fläche extensiv bewirtschaftbar zu machen.
Als eines der letzten Brutgebiete der Großen Rohrdommel ist das Gebiet als EU-Life-Projekt ausgewiesen worden und erhält daher Fördermittel der EU (2 Mio. DM für die vergangenen drei Jahre). Neben dieser seltenen Art finden sich hier auch Bruten von Kranich, Bekassine, Schwarzkehlchen und Rohrweihe, ebenso werden regelmäßig Wiedehopfe bestätigt. Auch der sehr seltene Rote Feuerfalter hat hier eines seiner letzten Vorkommen. Botanisch finden sich hier unter anderem auch Orchideenwiesen mit verschiedenen Knabenkrautarten und Kohldistel.
![]() |
| Moorgucker am Rambower Moor |
Um das Gebiet besonders als Brutgebiet der Rohrdommel zu erhalten, ist geplant, den Wasserspiegel um 20 cm anzuheben und so die zunehmende Verlandung zu stoppen. Diese führt dazu, dass die Torfschicht, die eine Mächtigkeit von 14 m hat, oberflächlich austrocknet und daher Nährstoffe freisetzt, die über das Wasser in einen nah gelegenen Badesee gelangen und dort u.U. zu Veralgung führen. Es kann erwartet werden, dass durch die Wasserspiegelanhebung die Schwarz-Erlen, die um den See wachsen, vorerst absterben und sich später ein neuer Gehölzgürtel weiter hinten etablieren wird.
Im Rambower Moor treffen natürlich auch unterschiedliche Interessengruppen aufeinander, die alle in das Projekt integriert werden. So sind die Informationen der Jäger über zufällige Beobachtungen von seltenen Vogelarten sehr wertvoll. Auch die Fischer sind integriert und ihnen werden zwei Wege zu Verfügung gestellt. Die extensive Grünlandbewirtschaftung lässt sich nur durch Subventionen, z.B. für späte Mahd, wirtschaftlich betreiben. Die Naturwacht ist auch hier die kontrollierende Instanz und wird wohl auch über das drei Jahre währende EU-Life-Projekt dieses Gebiet betreuen. Für die Unterhaltung muss dann allein das Land Brandenburg aufkommen, da das EU-Projekt lediglich eine Starthilfe ist.
![]() |
| Abendstimmung am Woterfilzsee |
Nach unserer Wanderung durch das Moor, bei der wir sehr gutes Wetter hatten, haben wir mit dem Bus eine Fahrt um den Rest des Moores gemacht und sind dann in Lenzen an den Hofladen der Elbländischen Bauernmarkt GmbH gefahren, an dem die Produkte aus dem Biosphärenreservat Elbtalaue vermarktet werden. Neben einem Lebensmittelladen, in dem Bio-Fleisch von verschiedenen Tierarten, Gemüse aus ökologischem Anbau, Eier, Marmelade, Käse und vieles mehr angeboten werden, gibt es hier auch eine Filzschauwerkstatt, in der die Haare der Elbtaltiere verarbeitet werden. Hier werden auch Projekte für Schulgruppen angeboten. Infos hierzu kann man unter www.elbmarkt.de erhalten.
Nach einer weiteren Busfahrt erreichten wir unser Nachtquartier für die nächsten beiden Nächte direkt am Woterfilzsee im Müritz – Nationalpark, wo wir dank eines gut gefüllten Bootshauses, den Abend auf dem Wasser ausklingen lassen konnten.
(Christoph Bachmann, Jens Gonnermann, Anne Braun)