Protokoll vom Samstag Vormittag den 12.06.2004

 

Biosphärenreservat Spreewald

100 km südöstlich von Berlin befindet sich eine in Mitteleuropa einzigartige Landschaft - der Spreewald. Die faszinierende Schönheit dieser Landschaft wird mit dem Status eines Biosphärenreservates gewürdigt. Besucher können sich wie wir auf unserer Exkursion in Burg (Spreewald) im Haus der Naturwacht informieren. Dieses Haus ist von einem sehr sehenswerten Heil- und Gewürzkräutergarten umgeben, der durch Blütenvielfalt und aromatische Gerüche von über 400 Pflanzenarten, wie man sie früher oft in Bauerngärten fand, besticht. Man findet hier Arten wie Garten-Salbei (Salvia officinale), Garten-Thymian (Thymus vulgare) aber man findet hier auch traditionelle Nutzpflanzen (Leindotter, Buchweizen, alte Kartoffel-, Getreide- und Bohnensorten), sowie Färbepflanzen. Einige wissenswerte Daten zu diesem 1991 von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservat:

- 474,92 km² Gesamtfläche, davon 61 % (= 292,37 km²) landwirtschaftliche Nutzfläche, 27,4 % (= 130,2 km²) Wald und 2,9 % (= 13,86 km²) Gewässer), 20.000 ha Naturschutzgebiete (90 % FFH-Gebiete)

- 50.000 Einwohner in 37 Dörfern und 2 Städten

- 2,5 Mio. Touristen pro Jahr (Lenkung auf bestimmte Bereiche, wie den Gurkenradweg mit 800 km Länge und die Kahnfahrt auf den Fließen)

Das Reservat ist in 4 Zonen gegliedert:

Im Spreewald teilte sich als Folge der letzten Eiszeit vor rund 20.000 Jahren die Spree, die an der Grenze Tschechiens entspringt, in ein fein gegliedertes Netz von Fließen. Ein großes Binnendelta entstand. Heute durchziehen die Fließe eine seit Jahrhunderten vom Menschen geprägte und dennoch weitgehend naturnahe Auelandschaft, die zahlreichen Pflanzen- und Tierarten Lebensraum bietet. Nicht wenige davon sind andernorts ausgestorben oder in ihrem Bestand gefährdet.

In früheren Zeiten bewohnte der slawische Volksstamm der Wenden das Gebiet. Über Jahrhunderte betrieben sie Gemüsebau und Viehhaltung. Die Ernte wurde ausschließlich mit Kähnen über das weit verzweigte Fließsystem eingebracht. Die niedrige Fruchtbarkeit der Böden (Ackerwertzahl 18 - 20) wurde durch Hochwässer begünstigt, aber dennoch waren die Spreewaldbauern eine der ärmsten Bevölkerungsgruppen in Deutschland, weil ein Sommerhochwasser die gesamte Ernte vernichten konnte (zwischen 1891 und 1933 gab es 124 Hochwässer und davon 46 im Sommer). Früher setzten die Bauern ihre Produkte in Berlin ab. Nach der aus Naturschutzsicht problematischen Intensivnutzung zu DDR-Zeiten sind heute jedoch manche Flächen unrentabel geworden und viele Betriebe arbeiten nur noch im Nebenerwerb oder zur Selbstversorgung. Eine neue  Chance sind Ökolandbau und touristische Nutzungen.

In den 30-er Jahren wurden durch den Reichsarbeitsdienst die nördlichen und südlichen Bereiche durch Trockenlegung und den Bau von Umflutern abgeschnitten und somit eine sicherere Bewirtschaftung ermöglicht. Heute gibt es aber Überlegungen den Nordumfluter zurückzubauen, weil die Schwemmsandgebiete des Spreewalds eine wichtige Wasserfilterfunktion für die Trinkwassergewinnung der Stadt Berlin haben, aber es existieren Ängste vor erneuten Hochwässern.

Insgesamt findet man im Biosphärenreservat rund 18.000 Tier- und Pflanzenarten. Mehr als 1.600 Pflanzenarten wurden bei den Kartierungen der letzten Jahren vorgefunden, davon 585 Rote-Liste-Arten. Auch die Tierwelt des Spreewalds ist noch nicht vollständig erfasst, nachgewiesen sind bereits 830 Schmetterlingsarten, 113 Muscheln- und Schneckenarten, 18 Lurch- und Kriechtierarten, 48 Libellenarten, 36 Fischarten, 45 Säugetierarten und 138 Brutvogelarten. Zurückzuführen ist diese Vielfalt auf die im Biosphärenreservat vorhandenen zahlreichen Biotoptypen, dazu zählen verschiedene Waldgesellschaften, in denen Schwarzstorch, Kranich und Seeadler Nistplätze finden. Eine besonders wertvolle Waldgesellschaft ist dabei der Erlenbruchwald. Er der größte  Mitteleuropas. Allerdings sind diese Erlenbruchwälder durch das Erlenstreben, das vor 2 Jahren begann, bedroht. Es handelt sich dabei um einen Phytophtera-Pilz, dessen Sporen über das Wasser verbreitet werden. Durch lange Trockenphasen in den letzten Jahren sind die Bäume geschwächt, was den Befall begünstigt. Ähnliches lässt sich auch bei anderen Baumarten, wie Pappel und Ulme beobachten.

Früher wurde das Erlenholz (aber auch Kiefer) zum Bau der typischen Spreewaldblockhäuser und Ställe verwendet. Interessant ist hierbei die Konservierungsmethode durch Lagerung im Wasser.

 

Wiesenlandschaft im Spreewald

Nach dem Mittagessen im Gasthof "Pohlenz - Schenke" traten wir einen kleinen Verdauungsspaziergang in die offene Wiesenlandschaft des Spreewaldes an. Der ehemalige Hochwald wurde auf diesen Flächen im Jahre 1950 gerodet. Die Flächen werden als Sommerpolder Nord bezeichnet und liegen im Biosphärenreservat in der Zone 2. Die Flächen wurden durch die Fließen und Drainagerohre entwässert. Am Ende der Fläche waren große Pumpen installiert, die das ablaufende Wasser in die höher liegende Spree abpumpten. Die Wiesenflächen wurden im Winter überflutet und ab Mitte März wurde das Wasser abgepumpt um die Flächen wieder für die Landwirtschaft zugänglich zu machen. Zu Beginn der landwirtschaftlichen Nutzung war auf diesen Flächen noch das eigentliche Niedermoor vorhanden. Aufgrund der moorigen Böden sanken die landwirtschaftlichen Maschinen im Boden ein, was zur Notwendigkeit der Entwässerung führte. Aufgrund der anfänglichen Überflutung der Flächen im Frühling hatten zu Beginn der 1950-er Jahre Bodenbrüter wie Bekassine oder Kampfläufer ideale Brutbedingungen. Bodenjagende Beutegreifer konnten die Gelege nicht erreichen, da diese Feinde nicht über die überfluteten Flächen schwimmen konnten. Ab 1960 verstärkte die DDR ihre landwirtschaftliche Nutzung auf diesen Flächen was eine schnellere und tiefgründigere Entwässerung auf diesen Flächen bewirkte. Um diese Flächen mit Großmaschinen befahren zu können war es notwendig, die Flächen bereits ab Februar zu entwässern. Deshalb wurden die Entwässerungssysteme erweitert, z. B. durch Verbreiterung der Fließen. Dadurch war der Schutz der Bodenbrüter vor Räubern während der Brutzeit nicht mehr in diesem Umfang gewährleistet. Nach der Wende 1990 wurden die Flächen noch intensiver als zu DDR - Zeiten beweidet, was zu einer hohen Bodenverdichtung führte. Letztlich waren diese Flächen nur noch mit der Binse begrünt. Ebenso wurden die Flächen in den Anfängen der 1990-er Jahren nicht mehr überflutet, was zu einer Gefährdung der Bodenbrüter führte. Die Räuber waren  jetzt die ganze Zeit des Jahres anwesend, der Schutz durch das Wasser war nicht mehr gegeben.

Seit Einführung des Biosphärenreservates wurden diese Flächen unterschiedlich bewirtschaftet. Anfänglich konnte aufgrund guter Zusammenarbeit mit einer örtlichen Agrargenossenschaft ein für die Flächen geeignetes Konzept mit einem späten Mahdtermin nicht vor dem 15.06. erstellt werden. Ebenso wurde der Weidebetrieb auf andere, besser geeignete Böden mit mineralischem Untergrund, der nicht zu starker Verdichtung neigt, verlegt. Aufgrund dieser Maßnahmen stellte sich die ursprüngliche Vegetation wieder ein. Mit Rückführung der Flächen in den Besitz des Vorkriegsbesitzers änderte sich das Konzept aufgrund der anderen Wirtschaftung des neuen Besitzers (Öko-Landwirtschaft) und wegen der fehlenden Kooperationsbereitschaft des neuen Besitzers. Jetzt ist es so, dass die Wiese wieder Anfang Mai zur Silagegewinnung gemäht wird was zur Zerstörung der Brut der Bodenbrüter führt.

Weitere Gefährdung für die Bodendbrüter sind neue Fressfeinde (Marderhund und Mink), die aus ehemaligen Pelztierfarmen nach der Wende entkamen oder auch freigelassen wurden. Der Bestand an Bodenbrüter tendiert deswegen nahezu gegen Null. Belastend kommt noch hinzu, dass der Rotfuchs sich stärker vermehrt hat. Gab es zu DDR-Zeiten immer mal wieder Tollwutepidemien die den Bestand dezimierten, so wurde durch die Ausbringung von Impfködern die Tollwut nach der Wende die Population nicht mehr dezimiert.

Schleusenumgehung

Im gesamten Spreewald sind Schleusenbauwerke in die Kanäle eingelassen. Diese Bauwerke behindern allerdings die Wanderung der im Wasser lebenden Organismen. Um eine Wanderung zu ermöglichen wurde um eine Schleuse in weitem Bogen herum eine so genannte Umgehung gebaut. Dieser Kanal sorgt dafür, dass die Organismen ohne Einschränkung im Fließgewässer wandern können. Um der Gefahr des Leerlaufens des Kanals  entgegenzutreten, wurde in der Mitte der Umgehung  ein quer zur Fließrichtung stehender Damm aufgeschüttet. Dieser Damm verhindert, dass ab einer bestimmten Oberhöhe des Wassers nichts mehr abfließt. Leider war aufgrund der momentanen Wasserhöhe der Damm nicht zu sehen. Ein weiterer Vorteil dieser ruhigen Fließgewässer ist, dass hier neue Laichplätze für Fische entstehen. Da auf der Umgehung das Befahren mit Wasserfahrzeugen jeglicher Art verboten ist, hat sich hier eine reichhaltige Fauna und Flora eingestellt.
 

Kahn fahren im Spreewald

Das wichtigste Fortbewegungsmittel im Spreewald ist der Kahn. Da es in früheren Zeiten keine befestigten Wege gab musste alles per Schiff erledigt werden. Ob sonntäglicher Kirchenbesuch oder Einbringung der Heuernte, alles wurde per Kahn erledigt. Der typische Spreewald-Kahn besteht aus Kiefernholz. Die Seitenteile sind 10 Meter lange Bohlen. Diese werden aus einem Stammstück gefertigt. Die Seitenteile werden auf einen Bock gespannt und in Form gebracht. Anschließend wird der Holzboden aufgenagelt. Danach wird der Kahn getrocknet. Dann wird auf das Holz eine Harzlösung zur Konservierung aufgebracht. Um den Kahn endgültig abzudichten wird er noch etwa 14 Tage mit Wasser geflutet. Dies hat zur Folge, dass die Holzbretter noch weiter aufquellen und sich besser miteinander verbinden. Kähne aus Aluminium sind zwar teurer als Holzkähne, aber durch höhere Lebensdauer, geringere Wartungsarbeiten, geringeres Gewicht  und bessere Fahreigenschaften werden zunehmend Aluminiumkähne eingesetzt. Heutzutage werden die Kähne hauptsächlich genutzt um Touristen die schöne Gegend des Spreewaldes zu zeigen. Die Touristen befahren die Wasserwege auch mit Kanus. Jedoch muss man feststellen, dass die Fahrten im Spreewald leider nicht so idyllisch sind wie sie im Prospekt angeboten werden. Auf den Fahrten steht weniger die Landschaft im Vordergrund. Vielmehr hat es den Anschein, dass der Konsum von Alkohol die Hauptbeschäftigung während der Kahn- oder Bootsfahrt ist, wie die unteren Bilder beweisen.

Wer den Spreewald jedoch in Ruhe genießen will hat bei unserem Fährmann die besten Bedingungen. Am Ende der Fahrt wurden wir durch ein Hotel der etwas anderen Art geführt. Das Hotel von Wolfgang Jakubik in Burg ist ein alter Bauernhof. Für einen angenehmen Übernachtungspreis bei Selbstversorgung kann man eine Übernachtung im Heu genießen. Der Hotelbesitzer ist ein Vertreter des sanften Tourismus und bietet neben Kahnfahrten auch Erkundungsritte mit Pferden an.

Ulrich Otto, Nils Peer Henningsen, Stefanie Heerd, Thomas Zimmermann, Alexander Strütt, Helmut Durst