Donnerstag, 10.06.04

 

Schwerpunktthema Nationalpark Unteres Odertal

 

Um 8.00 Uhr fuhren wir von unserer Unterkunft aus zu unserem nächsten Exkursionsziel Nationalpark Unteres Odertal, der sich im nord-östlichen Brandenburg an der Grenze zu Polen befindet.

Zunächst ging´s zum Informationszentrum nach Criewen. Dort wurden wir vom zuständigen Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit - Herrn Wilk - empfangen.

Das Informationszentrum des Nationalparks wurde im Jahre 2000 erbaut. Es dient der Öffentlichkeitsarbeit und der Aufklärung der breiten Bevölkerung. Um die verschiedenen Interessensgruppen anzusprechen wird ein Pyramideninformationssystem angewandt.

Dieses beruht auf einfachen Basisinformationen, die bei größerem Interesse vertieft werden können.

 

In sehr aufschlussreicher Form teilte uns Herr Wilk die entsprechenden Eckdaten bezüglich des Nationalparks mit:

 

·     Der Nationalpark Unteres Odertal ist ein grenzübergreifender Nationalpark zwischen Deutschland und Polen und ist somit der einzige Internationalpark Europas.

 

·     Der polnische Teil des Internationalparks wurde 1993 gegründet, der deutsche Teil 1995 als zwölfter Nationalpark Deutschlands.

 

·     Der Nationalpark hat eine Länge von 65 km und eine Breite von 3 – 5 km. Die Fläche umfasst auf polnischem Gebiet 4.500 ha und auf deutschem Gebiet 10.500 ha.

 

·     Der Nationalpark ist in 2 Zonen gegliedert, wobei die Zone 1 die Kernzone darstellt mit 1.100 ha, die frei jeglicher Nutzung ist. Die Zone 2 wird stellenweise noch durch extensive Landwirtschaft genutzt.

 

 

Der Nationalpark grenzt an die Industriestadt Schwedt, die für die wirtschaftlich schwächste Region Deutschlands einen sehr großen Stellenwert hat. Dort haben sich drei Papier produzierende Großbetriebe und eine Ölraffinerie angesiedelt. Dadurch entstehen Interessenkonflikte zwischen Industrie, Politik und Nationalparkverwaltung.

Durch polithographische Verschiebungen wird zur Zeit an einer Novellierung des Nationalparkgesetzes gearbeitet, was noch nicht erahnbare Probleme für den Nationalpark bringen kann.

 

Der Nationalpark Unteres Odertal besticht nicht nur durch seine Dimension und Einzigartigkeit sondern birgt auf seiner Fläche eine hohe Biodiversität.

 

·     Der Internationalpark stellt die wichtigste europäische Vogelzugtrasse dar, z. B. für Nordgänse, Kraniche, Störche, Blesshühner etc, ebenfalls ist er ein großes Brutgebiet für Bodenbrütende und sehr seltene Arten wie der Grauschwalbe.

 

·     In den Gewässern des Nationalparks kommen 45 Fischarten vor, wobei ein aktuelles Thema die Wiederanzucht und Einsetzung des atlantischen Störs ist.

 

·     Beeindruckend ist die hohe Pflanzenartenvielfalt des Nationalparks mit 1.100 höheren Pflanzenarten der insgesamt 3.000 höheren Pflanzenarten innerhalb Deutschlands.

 

·     Durch seine einzigartige Struktur stellt der Nationalpark einen Lebensraum für selten gewordene Tierarten wie 11 Biberpaare, Fischotter, Seeadler sowie eingewanderte Arten wie Waschbär, Marderhund und Mink dar.

 

Diese Vielfältigkeit lässt sich auf die regelmäßige Winterüberflutung der Polderflächen (= eingedeichte Auen) zurückführen. Aufgrund des ansteigenden Wasserpegels der Oder im Winterhalbjahr, werden die Einlassbauwerke am 15. November geöffnet und erst am 15. April wieder geschlossen. So kann das Wasser durch die Polderflächen ziehen und diese gestalten wie eine klassische Auenlandschaft.

 

Diese Technik wurde uns anschaulich von Herrn Wilk anhand eines gut ausgearbeiteten Modelles im Informationszentrum des Nationalparks Unteres Odertal erläutert.

 

Allgemein wird im Informationszentrum die Entstehungsgeschichte der Kulturlandschaft seit dem Ende der Eiszeit vor ca. 12.000 Jahren bis zur Gegenwart als auch die Flora und Fauna (Aquarium und Torfstich, sowie kleines Anschauungsobjekt und Diashow) anhand von Modellen und Informationstafeln erläutert.

 

Für jeden der in diese Gegend einmal reisen sollte, ist es sehr empfehlenswert einen Ausflug in den Intenationalpark Unteres Odertal mit seinem beeindruckendem Informationszentrum zu unternehmen.

 

Quelle:

Informationszentrum des Internationalparks Unteres Odertal in 16306 Schwedt, Ortstteil Criewen.

 

Jakob Schmidt, Martin Büchele, Andreas Wöhl

 

Protokoll  Donnerstag 11. Juni 2004.      2. Tageshälfte.

 

Nach dem Besuch des Informationszentrums des Nationalparks Unteres Odertal, traf sich die Exkursionsgruppe am frühen Mittag mit Herrn I. Kaphus, der im Nationalpark als Naturwächter angestellt ist. Auf einer Radtour durch die Polder und entlang der Deiche führte uns Herr I. Kaphus, der sehr engagiert und mit viel Motivation seiner Arbeit nachging, sowie mit großem Fachwissen, das jenem der begleitenden Professoren ebenbürtig war, einige besondere Stellen des Nationalparks. Er referierte über verschiedene zum Teil konträre Nutzungsaspekte der Polterflächen und über die Aufrechterhaltung bzw. Steuerung der Landschaftsentwicklung. Weiterhin erfuhren wir noch sehr viele Fakten über die Zusammensetzung des Nationalparks sowie über Fauna, Flora, Schutzziele und Entwicklungsgeschichte der geschützten Flächen.

 

Allgemeine Informationen zum Nationalpark Unteres Odertal:     

 

 

Entstehung der Polder

 

Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts begann man unter Friedrich dem Großen im unteren Odertal nach holländischen Vorbild ein Poldersystem zu errichten. Sinn und Zweck war es der Oder Flächen für landwirtschaftliche Nutzung abzugewinnen und die jährlich auftretenden Hochwasser unter Kontrolle zu bekommen. Dies erreichte man, indem man bestimmte Flächen schuf, in denen das Wasser eindringen konnte und sich dort großflächig verteilen und weiter fließen konnte. Dies führte dazu, dass die Oder nicht unkontrolliert weite Flächen überfluten konnte. Ein weiterer v. a. wirtschaftlicher Aspekt war die Schiffbarmachung der Oder durch Polder, die es erlaubten, den Wasserstand das ganze Jahr zu kontrollieren und zu regulieren. Der Bauprozess der Deiche nach dem Gesetz von 1904 zur Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder dauerte von 1906 bis 1932. Bei diesen Baumaßnahmen entstanden zwei Arten von Poldern:

1. Nasspolder (Fliesspolder)

Nasspolder sind eingedeichte Talflächen, die regelmäßig während eines Jahres überflutet werden. Die Öffnung der Sommerdeiche, die die Oder mit den Poldern verbindet erfolgt in der Zeit vom 15.11. bis zum 15.04. also zum Beginn der Hochwassersaison. In den Nasspolder gibt es einen stetigen Wasserzug. Das Wasser staut sich nicht an, sondern fließt, wenn auch sehr langsam, durch das Polder hindurch.

2. Trockenpolder

Die Trockenpolder erfüllen den gleichen Zweck wie Nasspolder, jedoch werden sie nicht regelmäßig geflutet, sondern nur bei extremen Hochwassern im Sommer (z. B. 1997).

Beide Polderarten können landwirtschaftlich genutzt werden, wobei es bei den Trockenpoldern möglich ist dies zum Teil ganzjährig zu betreiben. So z. B. während der Zeit der ehemaligen DDR. Damals wurden diese Flächen mit 5 bis 6 Großvieheinheiten/ha beweidet. Heutzutage sind es nur noch 1,4 Großvieheinheiten. Ziel ist es, nicht mehr primär ein möglichst großen landwirtschaftlichen Ertrag zu erzielen, sondern vielmehr die typischen Landschaftsarten durch extensive Bewirtschaftung (z. B. Schafe) offen zu halten und so den Artenreichtum des Gebietes zu erhalten. So werden z. B. die Sommerdeiche von 3 Schäfern und ihren Herden genutzt. Die Schäfer erhalten hierfür Subventionsgelder.

Probleme mit den Poldern kann es geben, wenn im Winter Eisschollen die Durchlässe blockieren und die Oder sich im Hauptbett anstaut.

Die Errichtung der Polderflächen und deren weitere Nutzung führten zu einer Vielfalt von Landschaftsbildern, z. B. Hartholzauen, Weichholzauen, Trockenrasen und Feuchtwiesen sowie Quallengewässern. Diese verschiedenen Landschaftsbilder mit deren ernormen Biotopvernetzungen bieten 1.150 höheren Pflanzenarten einen Lebensraum. Hieraus ergibt sich die Frage, ob diese Artenvielfalt weiterhin durch extensive Nutzung erhalten bleiben soll, oder ob man der Natur freien Lauf lässt, und somit in Kauf nimmt, dass sich die verschiedenen Landschaftsbilder weiterentwickeln und somit manche Arten von Flora und Fauna wieder verschwinden werden.

 

Die verschiedenen Landschaftsbilder

1. Die Hartholzaue

2. Die Weichholzaue

3. Feuchtwiesen

Feuchtwiesen entstanden durch Rodung von Auewäldern. Durch den langsamen Durchzug der Wassermassen, der durch die Brechung des Wassers an den Poltertoren in den Deichen erreicht wird, erfolgt eine jährlich wiederkehrenden Sedimentation von Nähr- und Mineralstoffen, welche eine Lebensgrundlage für Seggenriede und Röhrichte schafft. Durch die schon vorher vorhandene Vegetation, die zum Teil beträchtliche Höhe erreicht, tritt ein erheblicher Düngungseffekt auf der Fläche ein. Die Schilf- und Röhrrichtdickungen bieten dem einlaufenden Wasser bei Überflutung eine riesige Oberfläche zum Ablagern der Nährstoffe. Spätestens beim Rückzug des Wassers und anschließendem Regen erreichen diese dann in beträchtlichem Umfang den Boden und lassen manche Pflanzen überdimensionale Wuchshöhen erreichen. (z. B. Große Brennnesel (Urtica dioica) bis zu 2,5 m). Auf diesen Feuchtwiesen stehen im Frühjahr z.B. die Sumpf-Dotterblume (Caltha palustris) oder das Wiesen-Schaumkraut (Cardamine partensis) in voller Blüte. Die große Artenvielfalt der Feuchtwiesen, resultierend aus dem erwähnten Nährstoffeintrag, lässt diese zu einem wichtigen Brut- und Nahrungsgebiet vieler, zum Teil selten gewordener Vogelarten werden, z. B. Kranich (Grus grus), Rohrdommel (Botauris stellaris), Graureiher (Ardea cinerea), Schwarzstorch (Ciconia nigra), Graugans (Anser anser), Brandgans (Tadoma tadoma) und viele Entenarten.

4. Trockenrasen

Trockenrasen stellen im unteren Odertal eine Besonderheit dar und kommen meistens in den Niederauen vor. Sie zählen ebenso wie Feuchtwiesen zu dem Landschaftstyp Kulturlandschaft, was bedeutet, eine ursprünglich anders geprägte Landschaft wurde durch menschliche Nutzung verändert.  Der Boden ist durch Übernutzung und Auswaschung der Nährstoffe extrem mager. Aufgrund der Kargheit der Böden kommen auf ihnen nur speziell angepasste Pflanzenarten vor, z. B. das Frühlingsadonisröschen (Adonis vernalis) oder der Blaublühende Kreuzenzian (Gentiana cruciata) und das Silbergras (Corynephoros canescens). Nur durch extensive Bewirtschaftung in Form von Beweidung kann dieser Wiesentyp mit seiner Tier- und Pflanzengesellschaft erhalten werden.

5. Qualmwasserwiesen

Unter Qualmwasserwiesen versteht man Flächen, in denen Wasser durch hydrostatischen Druck, in diesem Fall durch die Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße, in die Fläche "eingedrückt" wird. Hierbei entstehen Flächen mit sehr niedrigem Wasserstand, die ein wertvolles Habitat für die verschiedensten Wasservögel darstellt. Exemplarisch seien Löffelente (Anas clypeata), Knäckente (Anas querqedula) und Spießente (Anas acuta) sowie Singschwan (Cygnus cygnus) und andere Watvögel genannt.

Problematisch bei der hier betrachteten Fläche ist die Tatsache, dass die temporäre Überschwemmung des Polders Wasserbrütern, wie z. B. der Trauerseeschwalbe (Chlidonias niger) ein Flachwassergebiet vortäuschen, das zum Brüten einlädt, und dann plötzlich trocken fällt. Hier spricht man von einer "ökologischen Falle"

Markus Held, Daniel Dabizzi, Oliver Ehmig