Tag 2: Nationalpark Kellerwald- Edersee 26.05.2009 

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Vormittag:

 

Einführung:

Am Vormittag des 26.05. 2009 gab uns Manfred Bauer, der Leiter des Nationalparks Kellerwald-Edersee, im Nationalparkamt Bad Wildungen eine Einführung. Dabei wurden folgende Themen besprochen.

 

I.                     Überblick über den Nationalpark

Der Nationalpark Kellerwald-Edersee befindet sich im Norden Hessens und erstreckt sich über eine Fläche von 5.700 ha, wovon sich 98% in Staatsbesitz befinden. Damit ist er einer der kleinsten der 14 Nationalparke Deutschlands. Er stellt den größten zusammenhängenden Hainsimsen-Buchenwald Hessens, Deutschlands, Europas, der Welt und höchstwahrscheinlich auch des gesamten Universums dar. Daraus ergibt sich der einzigartige Wert dieses Gebiets.

 

II.                   Geologie 

Der Nationalpark befindet sich in den östlichen Ausläufern des Rheinischen Schiefergebirges und wird von Tonschiefern und Grauwacken dominiert, die im Devon durch marine Ablagerungen gebildet wurden. Das Relief ist von kleinräumiger Struktur und von Steilhängen geprägt. Die Böden sind entsprechend flach bis mittelgründig, sauer und nährstoffarm. Im Gebiet befinden sich mehr als fünfhundert Quellen.

III.                  Geschichte

Auf Grund seiner schlechten Eignung für die Landwirtschaft war das Gebiet des heutigen Nationalparks seit jeher dünn besiedelt. Seit dem Mittelalter wurde das Gebiet als Hofjagdrevier genutzt und geliebt - damit wurde es von intensiver   Holznutzung ausgeschlossen. Im Jahre 1894 wurde ein umfassendes Gatter zum Schutz der umliegende Land- und Forstwirtschaft errichtet. 1963 wurde es zum Wildschutzgebiet und 1990 zum Waldschutzgebiet erklärt. 2004 wurde das Gebiet nach langjährigen Diskussionen als erster hessischer und jüngster deutscher Nationalpark ausgewiesen. Auf Grund heftigen Widerstandes in der Bevölkerung wurde lediglich die Kernzone des ursprünglich geplanten Gebietes zum Nationalpark erklärt und die weitere Fläche als Naturpark ausgewiesen. Zusammen mit den anderen mitteleuropäischen Buchwald-Nationalparks Jasmund, Müritz, Hainich, Eifel und zwei ukrainische Parks  bewirbt sich der Nationalpark Kellerwald-Edersee um die Aufnahme in die Liste der Weltnaturerbegebiete. Der Nationalpark ist im Rahmen von Natura 2000 als FFH Gebiet gemeldet.

 

IV.               Vegetation 

Der Nationalpark wird von Hainsimsen-Buchenwäldern dominiert. Auf nährstoffreicheren Standorten, besonders in den Talmulden, befinden sich Perlgras-Buchenwälder.  40 % des Buchenbestandes sind über 150 Jahre alt, der Totholzanteil ist ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Auf felsigen, sonnigen Hängen befinden sich Eichen-Buchenwälder und Eichentrockenwälder. Entlang der zahlreichen Bäche sind Erlen-Eschen-Auenwälder weit verbreitet. Zudem befinden sich im Gebiet Waldwiesentäler mit Feucht-, Glatthafer-, und Magerwiesen, die künstlich offen gehalten werden.

 

V.                 Fauna 

Der Nationalpark beherbergt seltene Tierarten wie die Dunkers Quellschnecke, die Wildkatze und den Feuersalamander. Zudem sind sechs verschiedene Spechtarten und 13 der 21 hessischen Fledermausarten heimisch. Aufgrund der Historie ist die Dichte des Rot- und Dam- und Muffelwilds exorbitant hoch und liegt bei ca. 16 Individuen pro 100 ha. Auch der Uhu kommt vor.

 

VI.               Aufgaben des Nationalparks 

Die zentralen Aufgaben des Nationalparks sind Forschung, Naturschutz, Umweltbildung und Erholung. Der Naturschutz hat das Ziel, die Flächen der natürlichen Entwicklung zu überlassen, bzw. diese zu unterstützen (Prozessschutz).

Die Forschung gliedert sind in die Teilbereiche Inventarisierung, Kartierung und Monitoring. Zudem untersucht sie die Akzeptanz des Parks in der Bevölkerung. Die Umweltbildung erfolgt hauptsächlich durch Ranger und beinhaltet Wildnistouren, Sinneswanderungen und Informationseinrichtungen wie Wildnisschule, Wildtierpark, Kellerwalduhr und die Dauerausstellung im Nationalparkzentrum. Dem Tourismus wird durch verschiedene Wanderwege wie dem Urwaldsteig und Kellerwaldsteig Rechung getragen. 

 

Im Anschluss an die Einführung im Nationalparkamt machten wir uns zu einer ca. vierstündigen Exkursion in den nord-westlichen Teil des Parks auf. Geführt wurden wir von Wolfgang Kommallein, dem zuständigen Leiter des Sachgebietes Management und Entwicklung.

 

Erster Punkt unserer Exkursion war das Tor am Ortsrand von Kirchlotheim, das einen der Eingänge in den Nationalpark markiert. Im Vorfeld der Nationalparkausweisung gab es lange Diskussionen mit der örtlichen Bevölkerung. Im Zuge dessen wurde sehr viel Wert auf die Berücksichtigung der Interessen der Bevölkerung gelegt. Die Konfliktpunkte waren die Einschränkung des Wegenetzes, das Verbot der Brennholznutzung und  der Jagd als Tourismusmagnet besonders zur Brunftzeit.

Das ehemalige Gatter war der zweite Exkursionspunkt, an dem uns Herr Kommallein die Konflikte zwischen Tier- und Naturschutz erläuterte. Probleme ergaben sich durch die hohe Wildtierdichte im Gatter. Einerseits wird im Nationalpark von einer Wildtierfütterung Abstand genommen, andererseits wurden die Tiere durch das Gatter aufgrund von Nahrungsmangel im Winter in Mitleidenschaft gezogen. Durch die teilweise Zerstörung des Gatters durch Kyrill wurde die Problematik entschärft, da das Wild aus der umzäunten Fläche entkommen konnte. Allerdings nahmen die Fraßschäden in der Umgebung als Folge dessen zu. Der langfristige Entwicklungsplan des Parks sieht einen weitgehenden Abbau der 140 km langen Innengatter sowie des 44 km langen Außengatters vor, was mit hohem personellem Aufwand verbunden ist.

 

Der dritte Exkursionspunkt befand sich am Rande einer durch Kyrill entstandenen Sturmwurffläche eines Fichtenbestandes. Im Gegensatz zu konventionellen Forstwirtschaft wird die Dezimierung des Fichtenanteiles im Nationalpark positiv bewertet, da die Zielvegetation hier ein urwaldähnlicher Hainsimsen-Buchenwald darstellt. Eine Störfläche im Fichtenbestand leistet diesem Prozess Vorschub, zum Beispiel durch Borkenkäferbefall. Daher wurden von den 25.000 Fm die im Sturm fielen, nur 1.000 Fm aufgearbeitet und verkauft.

Wir setzten unseren Weg auf dem Urwaldsteig fort, wo uns anhand zweier abgestorbener Bäume eindrucksvoll das Problem der Verkehrssicherung im Nationalpark vermittelt wurde. Die Verkehrssicherungspflicht steht im Gegensatz zur angestrebten urwaldähnlichen Bewaldung mit einem hohen Anteil an stehendem Totholz. Seitens der Nationalparkleitung wird eine Veränderung der momentanen Rechtslage angestrebt.

 

Auffällig waren die vielseitigen Wuchsformen der Buchen rechts und links des Weges in Abhängigkeit von der Wasserversorgung. Auf frischen Standorten fanden sich hochwüchsige geradschaftige Exemplare (bei denen das Försterherz in Anbetracht der eingeschränkten Nutzung blutet), während trockene Standorte auf Kuppen oder an Hängen von krüppeligem Wuchs geprägt waren. Sehr viele Buchen waren durch den Buchenspringrüssler in Mitleidenschaft gezogen. Wir genossen unser Mittagessen mit Aussicht auf flächigen Borkenkäferbefall am gegenüberliegenden Hang des Ederseetales.

 

Protokoll:

Max Friedrich, Hans-Martin Krause, Sarah Daum, Katrin Pehl, Astrid Hirth

 

Nachmittag:

 

Nach einer kurzen Mittagspause an einem Aussichtspunkt, von dem man sich einen guten Überblick über die Eder bzw. den Edersee und die umliegende Kulturlandschaft verschaffen konnte, verließen wir unter Führung von Herrn Kommallain den beworbenen Weg.

Bereits in der zuletzt 2004 erstellten Forsteinrichtung wurde die Entwicklung des Gebiets zum Nationalpark berücksichtigt.

Die 2014 anstehende Forsteinrichtung soll neben der generellen Orientierung an Prozessschutzzielen außerdem die Einlegung permanenter Stichprobenpunkte mit sich bringen.

Zusätzlich zu der seit Eröffnung des Nationalparks laufenden Aufnahme von GPS Koordinaten relevanter Punkte (Pflanzenvorkommen, Erschließung, jagdliche Einrichtungen) in das betriebliche Geographische Informationssystem (GIS) wird ab 2012 eine flächendeckende digitale Kartierung des Nationalparks erfolgen.

 

Gerade im Bereich der Erfassung räumlicher Daten von Pflanzen- und Tiervorkommen besteht im Nationalpark Bedarf an der Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten.

Es folgte eine Diskussion zum Thema „idealer Buchenbestand“. Herr Kommallein erklärte, dass für einen Großteil der Nationalparkfläche die Entwicklung hin zu einem natürlich artenarmen, von eingesprengten Verjüngungskegeln durchbrochenen, mosaikartigen Buchen-Hallenbestand voraussagbar sei.

Interessant waren ebenfalls die unterschiedlichen Strategien, welche innerhalb der Nationalparkverwaltung im Umgang mit nicht heimischen Pflanzen (Neophyten) zur Anwendung kommen.

Während Douglasien (Pseudotsuga menziesii) im Nationalparkgebiet entnommen werden, lässt man mancherorts, z. B. an dem oben erwähnten Rastplatz, ältere Baumindividuen wie Hemlocktanne (Tsuga canadensis) und Weymouthskiefer (Pinus strobus) aus touristischen Gründen bestehen.

 

Ebenfalls belassen und sogar gepflegt werden ehemalige Wildwiesen.

Diese bieten eine willkommene optische Abwechslung zum dominierenden Waldbild und ermöglichen im Herbst den Nationalparkbesuchern die Beobachtung des Brunftgeschehens beim Rotwild.

Die Offenhaltung der Wiesen erfolgt auf der einen Seite durch ein- bis zweimalige Mahd und auf der anderen Seite durch zwei Schafherden, welche zusammen mit dem begleitenden Schäfer eine beliebte Attraktion bei Touristen sind.

Beim Anblick einer der zahlreichen Kyrill-Sturmwurfflächen wurde uns erklärt, dass der Prozessschutz im Nationalpark zwar oberste Priorität genießt, Holzerntemaßnahmen in der Fichte (Picea abies) und Douglasie (Pseudotsuga menzieii) aber immer noch erfolgen. Begründet wird diese nicht nationalparkgemäße Vorgehensweise einmal durch die Zeitersparnis betreffend der Entwicklung zum Naturwald und durch die Kostendeckung innerhalb Hessen-Forst, welchem der Nationalpark ja formal angehört.

Im Laubholz erfolgen keinerlei Holzerntemaßnahmen.

 

Werden Fichten im Randbereich des Nationalparkgebietes vom Buchdrucker (Ips typographus) befallen, so setzt die Parkverwaltung auf Kommunikation mit den angrenzenden Waldbesitzern.

Um die lokale Akzeptanz des Parks zu erhalten, werden gelegentlich auch größere Schutzstreifen als normal angelegt, da nachgewiesen ist, dass der Buchdrucker die 500 m Verbreitungsradius gelegentlich überschreiten können.

 

Oberhalb besonders ursprünglicher Buchenwälder erfuhren wir, dass sich der Nationalpark Kellerwald–Edersee in Kooperation mit anderen europäischen Buchen-Nationalparks um die Aufnahme von Teilgebieten in das UNESCO Welterbe Programm beworben hat.

Nach einer Begehung in diesem Sommer soll über diesen Gemeinschaftsantrag entschieden werden.

 

Nach dem Abstieg zurück zum Informationszentrum stieß Amtsleiter Manfred Bauer zu uns.

Zu guter Letzt wurde das auf der Wanderung immer wieder zurückgestellte Thema 'Wildtiermanagement' bzw. 'Jagd im Nationalpark' diskutiert.

Nach normalen Nationalparkstandards darf keine Nutzung der ausgewiesenen Gebiete erfolgen, also auch keine jagdliche.

Aus verschiedenen Gründen wird in bestimmten Gebieten des Parks jedoch die Jagd als Instrument der Populationssteuerung verwendet.

Wildschäden, die durch den hohen Rot- und Schwarzwildbestand des Parks in angrenzenden Revieren und Feldern vorkommen, sollen so gezielt vermindert werden.

Außerdem sollen die Bestände des 1930 eingeführten Muffel- (Ovis orientalis musimon) und Damwilds (Dama dama) so weit wie möglich reduziert werden, um den heimischen Arten mehr Lebensraum zu bieten.

 

Ein Fünftel des geplanten Abschusses wird durch intensive Einzeljagd in bestimmten zeitlichen Intervallen bewerkstelligt.

Ausübungsberechtigt sind lediglich Nationalparkangestellte und ausgewählte externe Personen.

Das Gros des Abschusses wird durch winterliche Bewegungsjagden erreicht.

Hierbei kommen nur Hunde mit bestandener Brauchbarkeitsprüfung und Schützen mit nachgewiesener Erfahrung zum Einsatz.

So werden die Entwicklungskriterien des Gebietes gewährleistet, ohne das Wild einem zu hohen Jagddruck auszusetzen.

Dies ist gerade beim publikumswirksamen Rotwild wichtig, um die Erlebbarkeit des Brunftgeschehens im Herbst zu garantieren.

 

So neigte sich ein spannender und lehrreicher Exkursionstag dem Ende und wir verabschiedeten uns von unseren Führern mit dem Versprechen, dem Nationalpark Kellerwald-Edersee nicht zu lange fern zu bleiben.

 

 

Protokoll:

Hannes Oesterle, Andreas Christoph, Philipp Löst

 

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